Rückblickend kann die im Wintersemester 1971/72 erfolgte Berufung von Walter Oberschelp an die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule zu Aachen als ein ausgesprochener Glücksfall bezeichnet werden. Zu dieser Einschätzung gelange ich vor allem mit Blick auf den Studiengang Informatik und möchte dies im folgenden begründen.
Erinnern wir uns zunächst an den historischen Kontext dieser Berufung. Das neue Fach Informatik hatte in den sechziger Jahren begonnen, sich unter dem Einfluß immer leistungsfähigerer Digitalrechner als Wissenschaft der Informationsverarbeitung zu etablieren. Daraufhin beschlossen Bund und Länder, an einer Reihe deutscher Universitäten einen entsprechenden Diplomstudiengang einzurichten. Wegen der engen Beziehung der Informatik zu Mathematik und Elektrotechnik kamen dafür an unserer Hochschule zwei Fakultäten in Frage: neben der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen auch die Fakultät für Elektrotechnik. Natürlich gab es in Aachen wie auch an vielen anderen deutschen Hochschulen Widerstände gegen dieses neue Fach. Es ist besonders dem Numeriker Fritz Reutter zu verdanken, daß nach längerer Diskussion die Informatik erst als Nebenfach des Studiengangs Mathematik und dann zum Wintersemester 1972/73 als eigenständiger Diplomstudiengang in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät eingerichtet wurde. Damit folgte Aachen den gemeinsamen Empfehlungen der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik sowie der Nachrichtentechnischen Gesellschaft, die eine starke Orientierung der Informatikausbildung am Diplomstudiengang Mathematik vorsahen.
W. Oberschelp war also auf den ersten Lehrstuhl berufen worden, der sich dem Aufbau dieses neuen Studiengangs widmen sollte. Die ungewöhnliche Bezeichnung "Lehrstuhl für angewandte Mathematik, insbesondere Informatik" nahm der aufmerksame Zeitgenosse mit Verwunderung, bisweilen sogar mit einem gewissen Argwohn zur Kenntnis. Sie entsprach jedoch einer Überzeugung, die hier, bis hin zur Kleinschreibung von "angewandte", ihren programmatischen Niederschlag fand, nämlich daß die wissenschaftliche Substanz der Informatik durch Anwendung von Mathematik zu gewinnen sei. Diesem Kurs ist W. Oberschelp 27 Jahre lang beharrlich gefolgt. Er war damit nicht nur der eigentliche Gründer der Aachener Informatik, sondern hat auch ihre Entwicklung nachhaltig geprägt.
In der Berufungspolitik war diese Ausrichtung an den mathematischen Grundlagen zumindest während der 70er Jahre maßgebend. Allerdings verlief der Ausbau recht zäh, und nur mit tatkräftiger Unterstützung der Kollegen von Mathematik und Elektrotechnik war die Ausbildung einer schnell wachsenden Zahl von Studierenden einigermaßen zu bewältigen. Meine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit beginnen mit dem Jahr 1975, als ich auf den dritten Informatiklehrstuhl berufen wurde, nachdem Jürgen Merkwitz bereits zwei Jahre früher einem Ruf an die Alma Mater Aquensis gefolgt war. Informatikerbesprechungen heutigen Stils gab es damals natürlich nicht. Wir gehörten der großen Fachgruppe Mathematik an und erledigten das spezielle Informatikgeschäft als HKI ("Harter Kern Informatik") oft am Schreibtisch von W. Oberschelp in der Baracke neben dem Hauptgebäude. In dieser Pionierzeit erfreuten sich rheinische Lösungen großer Beliebtheit. Verwunderlich war dies insofern, als W. Oberschelp ja nicht Rheinländer sondern gebürtiger Herforder mit Studium in Münster, mithin Westfale reinsten Ursprungs war. Nun, vielleicht hatte ja das Thema der Dissertation: Logische Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie, den Boden für die unscharfe rheinische Logik bereitet, deren Anwendung uns so manche Entscheidung erleichterte. So boten diese Gründerjahre trotz beträchtlicher Überlast auch viele vergnügliche Stunden.
Es gab aber auch kritische Stimmen, welche eine Theorielastigkeit des Aachener Informatikmodells beklagten. Andere Hochschulen hatten schon frühzeitig die von der Industrie erhobene Forderung nach einer stärkeren Anwendungsorientierung berücksichtigt. Eine wesentliche Leitlinie der durch den Oberschelpschen Kurs bestimmten Aachener Konzeption bestand jedoch in der Überzeugung, daß erst die Theoriefähigkeit eine Wissenschaft begründet und damit als universitär qualifiziert. Heute kann mit Befriedigung festgestellt werden, daß die konsequente Einhaltung dieses Grundsatzes sich bewährt und zum Erfolg der Aachener Informatik beigetragen hat, wie dies die positiven Ergebnisse zahlreicher Rankings bestätigen.
Damit soll keineswegs behauptet werden, daß die Praktische Informatik eine weniger bedeutsame Rolle im Informatikstudium zu spielen habe. Selbstverständlich kommt ihr gerade an einer Technischen Hochschule wegen der vielfältigen Beziehungen zu den Ingenieurwissenschaften eine Schlüsselfunktion zu. Ihr eigentlicher Ausbau begann 1984 mit der Berufung von Otto Spaniol. Ihm folgten die Kollegen Manfred Nagl, Matthias Jarke und Hermann Ney auf weitere Lehrstühle. Zusammen mit den Vertretern der Lehr- und Forschungsgebiete formten sie das heutige Bild einer mit den an der RWTH vertretenen Anwendungen interdisziplinär kooperierenden Fachgruppe.
Doch eine eigenständige Fachgruppe Informatik mußte ja erst gebildet werden. Dies geschah 1986, wenn auch nicht ganz ohne Friktionen. Die Bezeichung HKI hielt sich hartnäckig noch mehrere Jahre lang. Für W. Oberschelp ergab sich aus dieser Strukturveränderung das Problem der Fachgruppenzugehörigkeit. Die Frage nach Mathematik oder Informatik hatte er längst durch seine Lehrstuhlbezeichnung beantwortet, so daß wieder einmal eine rheinische Lösung gesucht wurde. Sie lautete: halbe - halbe. Die Professur wurde also zerlegt und zu gleichen Teilen den Studiengängen Mathematik und Informatik zugeordnet. Hieraus zu schließen, daß ihr Inhaber die beiden Fächer jeweils nur mit halber Kraft bedient hätte, liegt nahe, ist aber ein gründlicher Irrtum. Denn sein Engagement als akademischer Lehrer war in jeder Hinsicht außergewöhnlich.
Hier seien zunächst einige aufschlußreiche Zahlen über die Prüfungstätigkeit von W. Oberschelp im Studiengang Informatik genannt: er führte 1221 mündliche Diplomprüfungen durch und betreute 384 Diplomarbeiten. Angesichts der Gesamtzahl von etwa 1500 Diplomen bedeutet dies, daß er bei nahezu jedem dieser Abschlüsse beteiligt war. Für den Studiengang Mathematik sind mir nur untere Schranken entsprechender Zahlen bekannt: 405 mündliche Diplomprüfungen und 109 Diplomarbeiten. Kein anderer Prüfer dieser Fächer hat auch nur annähernd ein derart olympisches Pensum erledigt. Um diese Zahlen richtig zu bewerten, sei daran erinnert, daß die Studierenden beider Studiengänge ihre Vorlesungen und Prüfer im Hauptstudium relativ frei wählen können. Kurzum, W. Oberschelp war ein ausgesprochen beliebter Hochschullehrer.
In seinen Vorlesungen verstand er es, die Faszination mathematischer Probleme und gleichzeitig ihre praktische Relevanz zu vermitteln. Es war genau diese Mischung von mathematischem Niveau und direktem Praxisbezug, welche zusammen mit didaktischer Ambition den besonderen Reiz der Oberschelpschen Lehre ausmachte. Vorlesungen bedeuteten für ihn nicht eine lästige Pflicht, sondern eine zentrale und gern ausgeübte Tätigkeit. Blättert man einmal die Vorlesungsverzeichnisse durch, so überrascht die enorme Vielfalt der von ihm behandelten Themen: Logik, Berechenbarkeit, Datenstrukturen, Rechnerstrukturen, Kombinatorik, Diskrete Strukturen, Schaltkreistheorie, Kodierungstheorie, relationale Datenbanken - und diese Liste ist nicht einmal vollständig. Selbst in den letzten Jahren hat er immer wieder neue und aktuelle Themen aufgegriffen und in Vorlesungen behandelt: Bildkodierung und Computergrafik, Neuronale Netze, Konnektionismus, bis hin zu einer Informatikvorlesung für Physiker und Biologen. So hat das Programm "Angewandte Mathematik, insbesondere Informatik" eine schon als enzyklopädisch zu bezeichnende Ausprägung erfahren. Als sichtbares Zeichen dieses Engagements in der Lehre sei hier auch das seit über zehn Jahren erfolgreiche, inzwischen in der 7. Auflage erschienene und gemeinsam mit Gottfried Vossen verfaßte Lehrbuch über Rechneraufbau und Rechnerstrukturen genannt.
Analysiert man die Zahl der betreuten Diplomarbeiten etwas genauer, so stößt man auf ein weiteres, höchst bemerkenswertes Phänomen: in 149 Fällen handelt es sich nämlich um sogenannte externe Diplomarbeiten, welche Studierende der Informatik in anderen Fächern, zumeist in Ingenieurwissenschaften oder Medizin, anfertigen. Dieses hohe Maß an interdisiplinärer Kooperation belegt eindrucksvoll die Anwendungsrelevanz der mathematischen Position von W. Oberschelp.
Trotz dieser umfangreichen Wahrnehmung von Lehraufgaben setzte er sich auch in administrativer Hinsicht für die Diplomstudiengänge Informatik und Mathematik ein. In den Prüfungsausschüssen beider Fächer war er ständig entweder als Vorsitzender oder als stellvertretender Vorsitzender tätig. Daher ist es nicht verwunderlich, daß seine Sprechstunden gewöhnlich zu ausgedehnten Sprechnachmittagen entarteten.
Sucht der Chronist nach einer Erklärung für diesen unermüdlichen und vielseitigen Einsatz in der Lehre, so fällt ihm auf, daß W. Oberschelp bereits in seiner Studienzeit ein deutliches Interesse an Didaktik und Pädagogik besaß. Es ist vielleicht weniger bekannt, daß er das Staatsexamen abgelegt hat und dann als Studienreferendar und Assessor tätig gewesen ist. Auch seine spätere Mitarbeit am Institut für Didaktik in Bielefeld, seine wissenschaftliche Beratung am Deutschen Institut für Fernstudiendidaktik und seine Tätigkeit im Ausschuß Informatikunterricht an der Schule des Fakulätentages Informatik zeigen, wie sehr ihm das Thema der Ausbildung am Herzen lag.
Die Forschungsarbeit von W. Oberschelp war ebenfalls untrennbar mit seiner Lehrtätigkeit verbunden. Das Humboldtsche Prinzip der Ausbildung durch Wissenschaft, von vielen modernen Hochschulpolitikern längst über Bord geworfen, besaß hier noch seine uneingeschränkte Gültigkeit. Ohne an dieser Stelle im einzelnen auf seine Arbeiten einzugehen, sei erwähnt, daß das Hauptinteresse kombinatorischen und algorithmischen Fragestellungen galt, in den letzten Jahren vor allem im Bereich der diskreten Geometrie und der Computergraphik. Ein starkes Motiv für seine wissenschaftliche Ambition war sicherlich die Weitergabe von Erkenntnissen an andere. So hat er über 30 seiner Schüler zur Promotion geführt. Eine ganze Reihe von ihnen wurde inzwischen selbst auf Professuren berufen. Auch diese Festschrift legt Zeugnis ab von der wissenschaftlichen Ausstrahlung von W. Oberschelp.
Wagen wir nun noch einen kurzen Blick in die Zukunft, wie sie sich seit der Emeritierung im Mai 1998 andeutet. Die Vorlesungsverzeichnisse der letzten beiden Semester bekunden einen völlig unerwarteten Schwenk der Vita Oberschelpensis. Denn wir lesen dort mit Erstaunen: Alkuins Rechenbuch - eine karolingische Quelle zur mathematischen Algorithmik - als eine Vorlesung des Sommersemesters und für den Winter dann: Beobachtungen von Sonne, Mond und Sternen im Mittelalter und ihre geometrische Deutung. Verfolgen wir jedoch die letzten Jahre etwas genauer, so wird das Interesse von W. Oberschelp an den historischen Ursprüngen seines Arbeitsgebiets schon früher sichtbar. Er initiierte und organisierte 1995 zusammen mit seinen mathematischen Kollegen Butzer und Jongen sowie dem Mediävisten Kerner das internationale Colloquium Carolus Magnus - 1200 Jahre Kultur und Wissenschaft in Europa -, zu dem viele namhafte Historiker und Mathematiker in die Kaiserstadt kamen. Es hat also ganz den Anschein, daß der nach jahrelang praktizierter 70 - Stundenwoche wohlverdiente Ruhestand noch lange wird warten müssen.
Natürlich kann das hier gezeichnete Bild keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Ich habe zu erläutern versucht,
daß Walter Oberschelp ein Hochschullehrer aus Passion war und dies auch offensichtlich bleiben will, sozusagen professorales Urgestein,
wie man es in unserer utilitaristischen Gesellschaft kaum noch antrifft. Er hat in entscheidender Weise das
wissenschaftliche Profil der Aachener Informatik geschärft, da
er sowohl ihren Anspruch als mathematische Disziplin wie als anwendungsorienterte Ingenieurwissenschaft in sich verkörperte.
In erster Linie ging es ihm jedoch um die in dieser Wissenschaft tätigen Menschen, vor allem um die Studierenden.
Sie haben ihm dies
mit beeindruckender Teilnahme bei der Emeritierungsfeier gedankt.
Widmungsbandübergabe 29. 7. 1999

Verantwortlich: Rolf Eschmann 30/03/2001